Einmal ist keinmal und zweimal ist schon Tradition. Wie schon im letzten Jahr verbringen Kristin und ich die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr in einer europäischen Hauptstadt. Nach Kopenhagen im Dezember 2024 geht es schon deutlich weiter Richtung Süden, wenn auch nicht weit genug, um warme Temperaturen zu haben. Bei Tagestemperaturen um die 2-5 Grad und an einem Tag sogar leichtem Schneefall geht es für uns nach Prag.

Ich bin 2002 (?) schon einmal in Prag gewesen- wenn auch nur für einen kurzen Zwischenstop auf einer 2wöchigen Tschechien-Radtour. Neben der Neugier, was die Goldene Stadt zu bieten hat, wenn man sie fast ein Vierteljahrhundert später mit mehr Zeit erkundet, war es auch der Schulausflug von Holly. Sie erzählte recht begeistert von ihren ausführlichen Spaziergängen auf den Spuren u.a. von Franz Kafka.

Ein (günstiges) Hotel in Zentrumsnähe zu finden, war – wohl aufgrund der Feiertage – ziemlich aussichtslos. Da wir aber sowieso mit dem Auto unterwegs waren, haben wir uns für ein Hotel direkt an der Messe entschieden. Dieses war nach eigener Aussage noch im Probebetrieb, was wir durchaus an einigen Stellen merkten- auch wenn die Mitarbeiter sehr bemüht, nett und zuvorkommend waren.
Es ist müßig, alle Auffälligkeiten zu beschreiben, aber das kurioseste Detail möchte ich doch beschreiben. Da die Frühstücksküche noch nicht fertig war (obwohl es einen sehr netten Frühstücksraum gab), bekam man Voucher für das Messerestaurant und musste jeden Morgen aus dem Hotel, um 300m weiter das Frühstück – kantinentypisch – in Pappschalen, Pappbechern und mit Plastikbesteck zu sich nehmen. Ehrenhalber sei gesagt, dass das Frühstück bis auf erstaunlich harte Brötchen reichhaltig, vielfältig und lecker war.

Am ersten Tag besichtigten wir die Prager Burg (Hradschin). Wir kommen genau rechtzeitig zur Wachablösung, auch hier ein Touri-Spektakel, das man nicht zwingend in erster Reihe genießen muss. Wir wenden uns deshalb lieber dem Ausblick über das noch leicht nebelige Prag zu und erkunden das Burggelände mit dem Veitsdom, der St-Georgs-Basilika und dem Goldenen Gässchen.
Einen Rollstuhl über das ziemlich unebene Kopfsteinpflaster zu schieben, erweist sich als – letztlich machbare – Herausforderung.
Abends besuchen wir ein klassisches Konzert im Liechtenstein-Palast. Die Aussage, dass der Konzertsaal barrierefrei zu erreichen ist, erweis sich zwar als dreiste Lüge (oder hat uns der Verkäufer einfach nur nicht richtig verstanden). Aber nachdem Kristin sich die Treppen hoch und wieder runter und ich (überflüssigerweise) ihren Rollstuhl ebenfalls treppauf-treppab geschleppt hat, bleibt trotzdem der Eindruck, dass der aufwand sich gelohnt hat und es ein wunderschönes Konzert war.
Wir beschließen den Tag mit einem typisch böhmischen Essen in der Altstadt. Dank Heizpilzen über und unter (!) den Tischen sogar draußen.

Am nächsten Tag besuchen wir nach dem Leeren unserer Frühstückspappen die Prager Altstadt. Der Altstädter Ring glänzt mit beeindruckenden Häusern, großzügigen Plätzen, schmalen Gassen und – natürlich – Kopfsteinpflaster.
Absolutes Highlight ist natürlich die weltberühmte Astronomische Uhr am Altstädter Rathaus. Und hier erleben wir eine sehr positive Überraschung. Kaum stellen wir uns etwas mutlos in die sehr lange Schlange am Eingang und überlegen schon vorsichtig, wie wir den Rollstuhl wohl durch selbigen bugsieren, kommen Mitarbeiter des Rathauses direkt auf uns zu und bedeuten uns, mit ihnen zu kommen und einen barrierefreien Weg auf den Turm zu nehmen. Nicht nur, dass der Eintritt sowohl für Kristin als auch für mich als Begleitperson kostenlos ist und wir nicht eine Minute warten müssen- während des gesamten Besuchs (inklusive etwa 30 Minuten, die Kristin und ich oben auf dem Turm brauchen, um einmal herumzugehen) begleitet uns ein Mitarbeiter. Bedient Fahrstühle und Treppenlifte, sorgt dafür, dass wir Platz haben und öffnet sogar ein ansonsten nicht zugängliches WC. Kein Wunder, dass wir nicht nur vom Ausblick baff sind!
Für das Abendessen „gelüstet“ es uns nach einem typischen Gulasch. Nach einer kurzen Recherche landen wir im „U Kroka“, das im zweiten Bezirk liegt und bei Einheimischen beliebt und bekannt ist für hervorragende Gulasch-Variationen. Soviel lässt sich sagen: Die von uns bestellte Variante ist jetzt aus dem Stand heraus (auch) bei uns beliebt.

Der dritte Tag gehört dem Nationalmuseum. Wir hatten ursprünglich gar nicht vor, den ganzen Tag hier zu verbringen. Aber im alten und neuen Gebäude (die durch einen Tunnel miteinander verbunden sind) gibt es soviel zu sehen. Und wir genießen es, dass wir – ohne eilig durch die Ausstellung eilende Kinder – wirklich ausfürlich alles im Detail betrachten können. Die Sonderaustellung über Eduard Storch (von dem ich nie zuvor gehört oder gelesen habe) motiviert mich direkt, zwei Bücher von ihm zu kaufen- „Abenteuer am großen Fluß“ und „Die Mammutjäger“. Wenn ich sie durchgelesen habe, werde ich vielleicht berichten, aber es „liest sich ganz gut an“, soviel kann ich schon mal verraten.
Der Gang durch die Zeitalter – immer mit Tschechien und Prag verbunden – ist beindruckend und die Sammlung von Kristallen und (Edel)steinen ist eine der größten Europas.
Nach dem Besuch des Nationalmuseums essen wir in einer sehr gediegenen Pizzeria (gottseidank nur im Ambiente, Qualität und Bedienung und nicht im Preis) zu Abend und machen uns dann auf den Rückweg ins Hotel.

Den vierten und letzten ganzen Tag verbringen wir – nachdem wir mit dem Auto einen kurzen Abstecher ins Jüdische Viertel gemacht haben – wieder in der Altstadt. Nachdem wir die Karlsbrücke in den letzten Tagen jeweils nur ein Stückchen von jeder Seite betreten haben, gehen wir jetzt einmal über die gesamte Brücke. Mit Rollstuhl durch die Menschenmassen schieben ist zwar nicht sehr entspannend, aber wenn man sich eher vormittags auf den Weg macht, dann geht es einigermaßen.
Am Nachmittag gönnen wir uns eine einstündige Moldaufahrt. Natürlich strenggenommen auch eher Touristenfalle als echtes „Must have“, aber auch wenn es nur einmal zwischen den Brücken hin und her geht, bietet die Fahrt erstaunlicherweise doch nochmal einen etwas anderen Blickwinkel.
Abends wollen wir noch einen weiteren Blickwinkel hinzufügen und finden ein schönes Restaurant inmitten eines hochgelegenen Parks. Im Sommer gibt es hier einen Biergarten mit wunderschönem Blick über Prag. Jetzt im Winter sitzen wir drinnen und sind offensichtlich die einzigen Gäste. Was dem guten Essen und der netten Bedienung aber keinen Abbruch tut.

Ein letztes Mal nach dem Frühstück das Einweggeschirr entsorgen, ein letztes Mal durch den umgeworfenen Bauzaun zum Parkplatz, wo das Auto steht und ein letztes Mal Richtung Zentrum fahren.
Wir machen noch einen ausgedehnten Stop im Einkaufszentrum Palladium und kurz vor der deutschen Grenze einen weiteren in einem Supermarkt, tanken noch einmal voll und fahren über Leipzig und Magdeburg wieder nach Hause- voll mit neuen und schönen Eindrücken.

Von Helge

Schreibe einen Kommentar